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Triage bleibt höchst umstritten

Kritiker*innen sehen eine mögliche Priorisierung von Patient*innen als verfassungswidrig an, im Neues Deutschland 22.04.2020

Die Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen mögen manche zu der Annahme verleiten, das Schlimmste an der Coronakrise wäre bereits überstanden. Allerdings befürchten unter anderem die Bundeskanzlerin und die Helmholtz Gesellschaft, dass die Zahlen der Infizierten und Schwerkranken wieder ansteigen. Im schlimmsten Fall könnten dann – wie schon in anderen Ländern – die Intensivbetten und Beatmungsgeräte knapp werden. Dann müssten Ärzt*innen entscheiden, wer eine lebensrettende Behandlung bekommt.

Ende März hatte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ihre Empfehlungen zur Priorisierung von Patient*innen veröffentlicht. Auch der Deutsche Ethikrat ging in seinen Ad-hoc-Empfehlungen darauf ein. Beide wurden dafür scharf kritisiert.

Das Forum behinderter Juristinnen und Juristen (FbJJ) schreibt in seiner Stellungnahme, dass »solche Abwägung von Leben gegen Leben zuvorderst gegen die elementarsten Grundsätze der deutschen Rechtsordnung« verstoßen. Anders als vom Ethikrat angenommen dürfe der Gesetzgeber solche Festlegungen aber nicht den Ärzt*innen selbst oder deren Fachgesellschaften überlassen, sondern müsse »im Rahmen der verfassungsrechtlich Zulässigen Kriterien für die Abwägung aufstellen«.

Zwar schreiben die Fachgesellschaften, dass eine Priorisierung nicht allein aufgrund des Alters oder sozialer Kriterien vorgenommen werden dürfe, aber die Ausrichtung auf vermutete verbleibende Lebensqualität oder Erfolgschancen könnten indirekt doch dazu führen, dass ältere, vorerkrankte oder behinderte Menschen benachteiligt würden, befürchten die Betroffenen. Das FbJJ hält eine solche Auswahl für »verfassungsrechtlich nicht zulässig«, da Personen »ihr Recht auf Leben trotz hoher Erfolgsaussicht der Behandlung im konkreten Einzelfall abgesprochen werden könnte, weil anhand abstrakter Kriterien die Erfolgsaussicht einer anderen Person als höher bewertet würde«.

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Lockerungsübung für die Wirtschaft

Leopoldina Die Akademie kann sich in ihrer Stellungnahme für einen Corona-Exit-Plan zu keinem einzigen Vorschlag durchringen, der Menschen entlastet – anstelle der Ökonomie. Freitag online, 14.04.20

Den seit Ostermontag viel diskutierten Empfehlungen der Leopoldina liegt keine Studie zugrunde, sondern es handelt sich um die ad hoc-Stellungnahme einer aus 26 Professor*innen bestehenden Arbeitsgruppe. „Ad hoc“ ist Latein und bedeutet soviel wie „spontan, ohne Vorbereitung“. Und das passt, denn die Stellungnahme liest sich teilweise, als wären es zusammengetackerte Meinungsäußerungen von selbsternannten Facebook-Corona-Experten – seltsam detailliert, selten gut begründet und oft unlogisch.

Die Wissenschaftsakademie will „Die Krise nachhaltig überwinden“, so zumindest der Titel der Stellungnahme. Nachhaltig klingt gut, ist aber vielleicht etwas viel versprochen, wenn noch nicht einmal der Peak der Infektionen abzusehen ist, also leider noch völlig unklar bleibt, wie schlimm die Krise welche gesellschaftlichen Bereiche treffen wird.

Ein für alle sehr frustrierender Faktor der jetzigen Situation ist das geringe Wissen über das Virus, die genauen Ansteckungswege und Krankheitsverläufe. Die mangelnden Testkapazitäten und die sehr unterschiedlichen Gesundheitssysteme in anderen Ländern erschweren die Vergleichbarkeit und damit eine gute Situationseinschätzung und Prognose. Gerade für Wissenschaftler*innen ist es unbefriedigend, halbwegs zutreffende Daten über die Infektionshöhe immer erst zwei Wochen später zu erhalten. Die Leopoldina reagiert auf diese Situation wie ein Kleinkind, das sich auf den Boden wirft und „ich will aber“ schreit: mehr Tests, mehr Daten, mehr Studien, Bewegungstracking, schnellere und realistischere Modellierungen. Man meint im Hintergrund das Gerangel der Lehrstühle und Universitäten um lukrative Forschungsaufträge zu hören.

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Verrückt und flauschig

Die beliebte Miniserie „Tiger King“ zeigt bizarre Menschen und ihre Großkatzen. Die Tiere dienen dabei primär als Schocker. Um ihr Wohlbefinden geht es nicht. In der taz, 06.04.2020

Die beliebte Doku-Miniserie „Tiger King“ hat alles, um das Publikum von der Coronakrise abzulenken: bizarres Personal, unglaubliche Plot­twists, eine Blutfehde und Tiger.

Während man sich bei weniger intensiven Seherlebnissen mittlerweile dabei erwischt, wie man kontrolliert, ob die Menschen, die zu sehen sind, den Corona-Sicherheitsabstand einhalten, ist die Story um den schwulen Privatzoobesitzer und „Tiger King“ Joe Exotic zu krass für solche Gedanken. Keine einordnende Stimme aus dem Off unterbricht die egomanen Protagonist*innen, wenn sie von ihrer Parallelwelt erzählen, von Tigern, Löwen, Pumas, von Affen, Kamelen und Alligatoren, von Mordaufträgen, FBI-Agenten, Polygamie und Präsidentschaftskandidaturen.

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Entscheidung über Leben und Tod

Wenn Kliniken überlastet sind, stehen schwere Abwägungen an. Eine Empfehlung von Medizinern stößt auf Kritik. Im Neuen Deutschland, 06.04.2020

Was passiert, wenn die Zahl der an Covid-19 Erkrankten so stark ansteigt, dass die Kapazitäten des deutschen Gesundheitssystems nicht mehr zur Versorgung aller Schwerkranken ausreichen? Sieben medizinische Fachgesellschaften haben dieser Tage ein Papier mit klinisch-ethischen Empfehlungen veröffentlicht, das als Hilfestellung bei den zu erwartenden Entscheidungskonflikten dienen soll. Es geht um eine als Triage bekannte Priorisierung von Kranken nach ihrer Überlebensfähigkeit, die aus der Kriegs- und Katastrophenmedizin des 18. Jahrhunderts stammt.

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Lebensfremde Voraussetzungen

Aus Angst vor Kontakt gibt es zu wenig Blutspenden. FDP-Politiker*innen fordern jetzt, das Spendeverbot für Transpersonen aufzuheben. taz online, 05.04.20202

Um die Covid-19-Pandemie zu überstehen, braucht das Gesundheitssystem nicht nur ausreichend Schutzkleidung, Intensivbetten und Beatmungsgeräte, sondern auch Blutkonserven. Das Kontaktverbot hält die Leute offensichtlich vom Blutspenden ab. Schon Mitte März hatte das Deutsche Rote Kreuz (DRK) gewarnt, dass die Versorgung bald nicht mehr lückenlos gesichert sei und zu vermehrten Blutspenden aufgerufen.

Diese Situation haben zwei Bundestagsabgeordnete der FDP genutzt, um erneut darauf aufmerksam zu machen, dass sexuell aktive homo- und bisexuelle Männer sowie Trans*-Personen von der Blutspende faktisch ausgeschlossen sind. Der LSBTI-politische Sprecher der FDP, Jens Brandenburg, und Katrin Helling-Plahr, die im Gesundheitsausschuss sitzt, haben in dieser Woche in Briefen (hier via Queer.de) an den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den Präsidenten der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, appelliert, die „lebensfremde Voraussetzung von 12 Monaten Enthaltsamkeit“ aufzuheben und die Regeln an dem „tatsächlichen Risikoverhalten“ statt an der „sexuellen Identität“ auszurichten.

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Abbruch in virigen Zeiten

Die Covid-19-Pandemie könnte den Zugang zu Beratungsstellen, die straffreie Schwangerschaftsabbrüche ermöglichen, akut gefährden. Schon vorher gab es Versorgungsengpässe. In Jungle World 14/2020

Wenn im Gesundheitssystem Ressourcen konzentriert werden, um auf den erwarteten Bedarf an Intensivbetten und Beatmungsgeräten vorbereitet zu sein, bleiben diejenigen auf der Strecke, deren Bedürfnisse als weniger wichtig eingeschätzt werden. Dazu gehören ungewollt Schwangere – umso mehr, als die Erfüllung ihres Wunsches, nicht mehr schwanger zu sein, eine Straftat darstellen kann.

Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland keine normalen medizinischen Leistungen, sondern fallen im Strafgesetzbuch unter die Straftaten gegen das Leben. Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche sind nicht legal, aber straffrei möglich, wenn sich die ungewollt schwangere Person von einer anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle hat beraten lassen und danach drei Tage über ihre Entscheidung reflektiert hat.

Bereits vor der Coronakrise gab es teilweise eklatante Probleme für Frauen, die fristgerecht dieses Prozedere be­folgen wollten, und diese Probleme verschärfen sich nun. In einer Pressemit­teilung haben der neu gegründete Verein Doctors for Choice und die noch in Vereinsgründung befindliche Gruppe Pro Choice zusammen mit den altein­gesessenen Organisationen AKF (Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft) und Pro Familia davor gewarnt, dass dadurch Leben und Gesundheit von Frauen in Gefahr seien. Aufgrund der Covid-19-Pandemie sei der Zugang zu straffreien Schwangerschaftsabbrüchen akut gefährdet.

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Armut auf Pump

Die Bundesregierung will die sozialen und wirtschaftlichen Probleme lindern, die aus der Coronakrise folgen. Das Kabinett beschloss am Montag weitreichende Maßnahmen. In der Jungle World 13/2020

Kommt jetzt die allgemeine Ausgangssperre? Diese bange Frage beschäftigte am Wochenende viele Menschen. Die Antwort kam, wie so vieles in dieser Krise, scheibchenweise. Als erste größere Stadt Deutschlands beschloss das nahe an der französischen Grenze liegende Freiburg weitgehende Ausgangsbeschränkungen, als erstes Bundesland verhängte Bayern am Wochenende ebenfalls Ausgangsbeschränkungen. Das Saarland und mehrere andere Bundesländer folgten. Die Bezeich­nungen Ausgangssperre und lockdown wurde tunlichst vermieden. Bei einer Telefonkonferenz am Sonntagnachmittag verständigten sich die Bundesregierung und die Länder auf Leitlinien zur sogenannten Kontaktbeschränkung. Soziale Kontakte sollen so weit wie möglich reduziert werden, im öffent­lichen Raum sollen sich die Menschen nur noch zu zweit aufhalten, davon ausgenommen sind Familienmitglieder oder Mitbewohner. Die sehr weitgehenden Regeln sollen für mindestens zwei Wochen gelten. Bayern blieb bei seiner bereits vorher verabschiedeten härteren Linie, dort dürfen sich nur Personen aus dem selben Hausstand gemeinsam draußen bewegen. Hessen und Sachsen verabschiedeten ähn­liche Regelungen.

Die portionsweise Darreichung hat ihren Sinn: Man kann sich auf jede Beschränkung und Verschärfung einstellen, bevor die nächste kommt. In einer ohnehin intellektuell und emotional schwer zu bewältigenden Situation braucht man Zeit, um sich an neue Verbote zu gewöhnen und deren Sinn einzusehen. Dieser Effekt war auch vor den neuen Verschärfungen zu beobachten: Gab es in Berlin in der Nacht von Donnerstag auf Freitag fast 100 Anzeigen wegen Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz, vor allem gegen Kneipen und Restaurants, die trotz der Beschränkungen geöffnet hatten, stellte die Polizei in der Nacht zu Samstag nur noch 26 Strafanzeigen. Die Spielplätze, Parks und Plätze leerten sich.

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Nachwuchs aus dem Katalog

Die »Berliner Kinderwunschtage«, eine Besuchermesse zu Reproduktions­technologien, fand in diesem Jahr zum vierten Mal statt. Doch obwohl sie provokativ auf das Wochenende des internationalen Frauen­kampftags gelegt worden war, blieb Protest weitgehend aus. Reportage in der Jungle World 12/2020

Überdimensionierte Spermien überall: An der Decke baumeln sie, sie liegen in Schalen als Schlüsselanhänger, es gibt sie als Fliegenklatschen und Stifte. Dieses zentrale Symbol der Messe »Berliner Kinderwunschtage« wird ergänzt von Bildern properer, lachender, niedlicher Babys und ihrer diversen Köperteile – vor allem Füßchen und Händchen. Dazu Fotos hochschwangerer Bäuche, meistens mit einem Kind, das daran horcht. Aufnahmen glücklicher Familien dürfen auch nicht fehlen. Ein weißes Boot, das »Hoffnung« heißt, segelt auf dem Bild einer Broschüre in tiefblauem Wasser.

Was in dieser Bildsprache nur am Rand vorkommt, sind die von Reproduktionsmedizinern heißbegehrten Eizellen – das mag daran liegen, dass deren Form nicht so eingeprägt ist wie die von Spermien. Eizellen sind allerdings auch ein rareres Gut in der Fruchtbarkeitsbranche. Sperma verändert seine Qualität mit dem Alter des Mannes kaum, Eizellen altern hingegen mit den Frauen, was der physiologische Grund für die vielbeschworene »biologische Uhr« ist. Eizellen sind zudem nur mit einem invasiven Eingriff aus dem Körper zu bekommen. Die Hormontherapie, die das Heranreifen mehrerer Eizellen bewirkt, ist für die meisten Frauen körperlich und psychisch anstrengend.

Wenn Frauen oder andere Personen mit einer als weiblich definierten Anatomie einen starken Wunsch nach einem eigenen Kind hegen, mag es naheliegend sein, diese Nachteile in Kauf zu nehmen. Sich dieser Prozedur zu unterziehen, um anderen zu einem Kind zu verhelfen, ist jedoch weniger nachvollziehbar – es sei denn, die Frauen ahnen nichts von den Beeinträchtigungen, oder die Bezahlung kann diese kompensieren.

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Her mit der Hilfe

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronakrise treffen prekär Beschäftigte, Illegalisierte und Obdachlose besonders hart. Kommentar in der Jungle World 12/2020

Die Anfrage der Jungle World für einen Kommentar zu den ökonomischen Folgen der Coronaepidemie für Prekäre und Selbständige erreicht mich im ICE auf dem Weg zu einer Podiumsdiskussion über reproduktive Gerechtigkeit. Es ist der Tag, an dem die WHO Covid-19 von einer Epidemie zur Pandemie hochstuft. Auf Facebook wird eine Veranstaltung nach der anderen abgesagt, um dazu beizutragen, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen.

Sollte ich das auch machen? Verhalte ich mich unverantwortlich, wenn ich mit dem Zug reise und später Menschen an einem Ort zum Diskutieren zusammenbringe? Auf Twitter debattieren derweil immer mehr Menschen darüber, ob auch Soloselbstständige für ihre Verdienstausfälle entschädigt werden könnten. Freunde und Bekannte sorgen sich, dass sie monatelang kein Geld verdienen werden, während die Ausgaben konstant bleiben oder steigen.

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Vom Kopf auf die Füße

Neuseeland reformiert seine Abtreibungsgesetze. Künftig werden dort Schwangerschaftsabbrüche bis zur 20. Woche legal sein. Und Deutschland? Kommentar in der taz vom 19.03.2020

In Neuseeland werden Schwangerschaftsabbrüche bis zur 20. Woche künftig nicht mehr verboten sein. Das hat das Parlament am Mittwoch entschieden und damit den ungewollt schwangeren Neu­see­län­de­r*in­nen die Entscheidungsberechtigung übertragen.

Eine Abtreibung nach der 20. Woche wiederum wird möglich sein, sofern ein*e Ärz­t*in den Abbruch für die „gesundheitlich angemessene Entscheidung“ hält. Bisher waren Abtreibungen in Neuseeland nur aufgrund von Gefährdungen für die psychische und körperliche Gesundheit der Schwangeren legal, dafür musste die Schwangere zwei Ärz­t*in­nen finden, die ihr dies bestätigten.

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